ZOHAR STRAUSS: HAUPTDARSTELLER IM FILM "EYES WIDE OPEN"
interview in zürich

people image(18.03.10/lp) Im Drama "Eyes Wide Open" (Mehr Infos hier) spielt Zohar Strauss einen orthodoxen Familienvater der sich in einen jüngeren Mann verliebt. Wir haben den Hauptdarsteller getroffen und mit ihm über die Komplexität dieses Filmes gesprochen.

Er ist aus Tel Aviv angereist, um in Europa den Film zu promoten. Das Gespräch mit Zohar Strauss wurde zu einer interessanten Begegnung.

Hand aufs Herz: War es für dich schwierig, als Hetero, die intimen und homoerotischen Szenen zu drehen?

Das war ein Dilemma! Damit meine ich die kopflastige Sache: Ich musste also mit Ran Danker diese Szenen drehen und weder er, noch ich, sind schwul. Was macht man da? Mir war von Anfang an klar: Wenn Männer Männer lieben, dann lieben sie die Person als solches - da spielt das Geschlecht keine Rolle. Ich musste mir zu dieser Sache Zugang verschaffen, irgendwie einen Trick finden, damit es echt aussieht. Ran ist ein attraktiver Mann... Also hab ich mir einfach ausgemalt, dass er eine hübsche Frau wäre. Verurteile mich aber nicht... Trotzdem war die Situation für uns "strange". Nach dieser Szene im Wasser haben wir uns - wie nach einem Goal im Fussball - umarmt und waren happy, dass wir die Sache gemeistert haben. Wir sind herumgehüpft und waren glücklich mit der Umsetzung. Genau, wie die Fussballer sich nach einem Goal umarmen - so kannst du dir das vorstellen.

Eine weitere Herausforderung war, dass ihr gewisse Szenen im orthodoxen Quartier von Jerusalem, "Me'a Sche'rim", gedreht habt - angeblich sollen da Steine geflogen sein...
An Steine kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiss noch zu gut, dass man uns mit Wasser beworfen hat. Es ist so: Die Filmindustrie ist da nicht willkommen. Die dürfen weder TV glotzen, noch ins Kino gehen und sie haben ihre eigene Zeitung... Wir haben die Szenen versteckt aufgenommen - "Guerillamarketing-mässig": Schnell aus dem Auto, schnell aufnehmen, schnell weg! "Me'a Sche'rim "- das heisst übrigens "100 Tore" - hat sich vom Rest des Landes abgeschirmt und lebt dort für sich in einer geschlossene Gesellschaft, mit ihren eigenen Vorstellungen.

Hat dieser Film deine Einstellung zur Homosexualität verändert?
Ich lebe in Tel Aviv und da ist die Szene lebendig. Die haben ihren Spass: Das hab ich mitbekommen; das war mir schon immer klar. Was mich bewegt hat, ist die Einstellung der Orthodoxen. Die komplexe Mischung "Homosexualität" und "strenge Religion". Du musst dem folgen, was geschrieben ist: "Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht morden, du sollst nicht mit der Frau eines Anderen schlafen und du sollst nicht mit einem anderen Mann schlafen." Dazu kommt folgende Steigerung: Mir wurde bewusst, dass Homosexualität für sie erst gar nicht existiert. Der Regisseur Tabakman spricht in diesem Sinne von Science-Fiction. In dieser Religion behandelt man die Sache so: Ein Mann soll nicht mit einem Mann schlafen, und wenn er das trotzdem tut - und er dies als Sünde anerkannt -  dann soll er das nie mehr tun. Dann wird ihm vergeben! Damit aufhören oder sich umbringen - das sind die einzigen Lösungsansätze: "Ich folge nicht mehr Gott, ich liebe Gott nicht mehr" - so etwas geht einfach nicht, so etwas existiert nicht.
Auf der anderen Seite ist es doch so, dass es so verdammt schwer ist, seinen sexuellen Bedürfnissen nicht nachgehen zu dürfen. Gerade in Interviews, wie wir jetzt haben, stellen mir Journalisten oft die Frage: "Wieso gehen die Männer, die homosexuelle Gefühle in sich haben, nicht einfach weg?" Nach München! Nach München? Nein, das werden sie nicht tun. In ihrer Welt hat Sexualität einen tiefen Stellenwert. Ihre Welt ist einfach gestrickt: Essen, beten, arbeiten, beten, beten, beten. Da müsste schon mal jemand kommen und ihre Bibel umschreiben und darin eine homosexuelle Rolle reinpacken - wie hier im Film, der junge Ezri, in den sich Aaron verliebt. Das wäre die einzige Lösung für ein Umdenken.

Aber sagen wir mal, einer würde ausbrechen und weggehen... Da fällt mir der Refrain von einem Song von Isaac Hayes ein: "I took you out of the ghetto, but i could not get that ghetto out of you"...
Kein Ghetto... Die Welt da draussen ist für sie ein Ghetto. Zuhause ist alles geregelt. So ist die Funktion. Das ist ihre Welt und das ist kein Ghetto. Sie denken über uns, dass wir nur für den Moment leben - sie hingegen führen ein erfülltes Leben.

Es gibt eine delikate Stelle im Film: Aaron verurteilt einen Mann, der mit einer Frau verkehrt, die für einen anderen Mann vorbestimmt ist. Er muss den Richter spielen und diesem Mann befehlen, sich der Frau nicht mehr zu nähern. Andererseits begeht Aaron aber ebenfalls eine Sünde: Er hat mit dem jungen Ezri ein Verhältnis!
Da hast du Recht und das wurde bewusst in den Film reingepackt um zu zeigen: Wenn es nicht dein Leben ist, dann ist es leicht über die anderen zu urteilen, zu bestimmen und aufzuzeigen, dass man mit dem "Strom fliessen" muss. Aber wenn es um deine eigene Person - oder um deine eigenen Sünden geht - dann kannst du dir einfacher verzeihen. Das ist ein menschlicher Zug.  Und trotzdem: Aaron muss seiner Rolle gerecht werden.

Gab es Leute, die dir davon abgeraten haben, diese Rolle anzunehmen?
Man hat mir unterschwellig verklickert, dass es meiner Karriere schaden würde, wenn ich eine schwule Rolle annehme. Aber ich habe diese Meinung nie geteilt. Ich habe sofort zugesagt. Bis jetzt habe ich keinen "Schaden" davon getragen. Diese Rolle ist komplex: Und ich wollte sie von Anfang an.

Hast du dir für die Rolle den Bart wachsen lassen?
Der Bart war nur zur Hälfte echt, der andere Teil war angesetzt. Das war echt jedes Mal ein Aufwand das Ding immer wieder hinzubekommen. Aber wir haben den Film in weniger als zwei Monaten gedreht, also hielt sich der Aufwand so gesehen in Grenzen.

Hast du nie Angst gehabt, dass du durch diese Rolle Probleme bekommen könntest?
Ja, das hab ich. Ich hab mit negativen Reaktionen gerechnet: Dass ich sogar mal eine auf die Fresse bekommen würde... Aber das ist bisher nicht eingetroffen. Die Orthodoxen werden diesen Film nicht anschauen. Und falls sie es doch tun: Sie werden den Film ignorieren. So wie sie Homosexualität ignorieren.