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Gay.ch-Team-Mitglied
Nicolas Aerni hat Laura Pausini und er wurde interviewt. Ähm,
nein, er hat sie interviewt. Eigentlich habe beide sich
interviewt...
Laura Pausini's neues Album "Primavera in anticipo"
kommt ungewohnt daher. Das Duett mit James Blunt ist dabei
repräsentativ für die Motivation, musikalisch neue Wege
zu gehen. Das Album zeichnet sich durch komplexe Harmonien aus und
wirkt im Ganzen sehr symphonisch und unerwartet interessant.
Kindliche Elemente wechseln sich mit dramatischen Chören und
orchestraler Instrumentierung ab. "Pop" ist definitiv
nicht mehr das richtige Wort dafür und vorbei sind die Zeiten
der triefenden Italo-Schnulzen. Laura ist älter und reifer
geworden. Wir hatten die Gelegenheit, den italienischen Superstar
in Zürich nach ihrem Auftritt am Energy for free zu treffen.
Ein kalter aber sonniger Samstag-Nachmittag und ich mache mich auf
den Weg ins Dolder-Grand. Ganz Zürich ist auf den Beinen und
das Dolder-Bähnli ist voll gestopft mit Ausflüglern, die
das Wetter draussen geniessen wollen. Das Dolder thront über
Zürich wie ein modernes Märchenschloss und ich werde am
Empfang freundlich auf die Couch gepflanzt um auf Irina zu warten.
5 Minuten später nimmt sie mich in Empfang mit der
Ankündigung, dass sie schon ne halbe Stunde Verspätung
hätten mit den Interviews. Laura Pausini ist berüchtigt
für ihre Redseligkeit und es sei fast unmöglich, die
Reporter termingerecht wieder von ihr zu trennen, aber nicht wegen
der Reporter, sondern wegen Laura. Ich bin also gespannt.
Ich trinke also noch nen Kaffee mit Laura's Manager. Wir reden
über Brittney Spears, Christina Aguilera und Pink,
über's Showbuisness, Styling und - natürlich - über
Musik. Er erzählt, er wäre mal mit Laura extra von
Mailand nach Zürich gefahren um ein Oasis.-Konzert im
Hallenstadion anzuschauen. "Backstage?", fragte ich, und
er meinte: "Nein im Zuschauerraum!". Als er mein
Erstaunen bemerkte ergänzte er, dass es einen Trick gäbe
um kein Aufsehen zu erregen. Man müsse einfach rein wenn es
schon dunkel sei und wieder raus, bevor das Konzert zu Ende sei.
Und natürlich redeten wir über Laura, die seit Raffaela
Carrà und im Moment die einzige italienische
Künstlerin mit durchschlagendem internationalen Erfolg ist.
Er meint, das Geheimnis des kommerziellen Erfolgs sei nicht eine
Hammer-Stimme oder ein perfektes Styling-Konzept sondern Charisma.
Da muss ich ihm recht geben.
Endlich endlich endlich werde ich zu Lauras Zimmer geführt.
Sie sitzt im violetten Plüsch-Trainingsanzug am Telefon mit
einem anderen Reporter und unterhält sich abwechslungsweise
in Französisch und Englisch. Und es ist wahr: sie redet wie
ein Maschinengewehr...
Laura begrüsst mich, küsst mich und mir wird gleich warm
ums Herz. Nicht weil ich ein Fan der ersten Stunde bin, sondern
weil diese junge aber reife Frau eine enorme Herzlichkeit
ausstrahlt. Und ich muss ihrem Manager recht geben: Chrisma ist
etwas Unmissverständliches, Direktes und Vereinnahmendes. Sie
fragt mich, ob es mich störe, wenn sie während des
Interviews ihre Nägel feilt; sie hasst eingerissene
Fingernägel. Und dann fängt sie an zu quasseln. Es ist
wie wenn sie mich schon Jahre kennen würde, fragt mich
über meine italienische Mama aus, freut sich dass ich von
einem Schwulenmagazin komme und es hat eher den Anschein, wie wenn
sie mich interviewen würde als umgekehrt. Es fällt mir
schwer sie zu unterbrechen, was ich aber dann trotzdem tue. Aber
sie ist mir nicht böse.
gay.ch:Laura, dein neues Album "Primavera in
anticipo" ist musikalisch sehr komplex und überraschend.
Man ist sich von dir eher flüssigen Italo-Pop gewöhnt.
Was ist passiert?
Laura Pausini: Tja, ich bin älter geworden (sie lacht)!
Früher war alles schwarz oder weiss für mich, aber es
gab nichts dazwischen. Meine Leben hat mich aber an Erfahrungen
geführt, wo ich einsehen musste, dass es zwischen den beiden
Polen eben auch alle Farben liegen. Das habe ich versucht, mit
meinem neuen Album auszudrücken, vor allem stimmlich habe ich
versucht, mehr Schattierungen zu produzieren und nicht immer so
ins Mikrophon zu brüllen (und sie lacht wieder...)!
gay.ch: Das ist dir sehr gut gelungen, Laura. Ich habe gesehen,
dass fast alle Tracks auf dem Album von Daniel Vuletic geschrieben
worden sind. Ist das eine neue Zusammenarbeit? Man kennt diesen
Namen ja eigentlich noch nicht in der Musikszene.
Laura Pausini: Das ist eine interessante Geschichte. Eines Tages
ruft mich mein Produzent aus Bologna an und sagt: "Da
übernachtet ein Typ vor meiner Haustüre." und ich
meine: "Dann frag ihn doch was er will!". Der Typ vor
der Haustüre war ein kroatischer Songwriter, der unbedingt
seine Songs vorstellen wollte. Als ich diese Musik gehört
habe war es, wie wenn er direkt aus meinem Herzen sprechen
würde. Ich schreibe ja hauptsächlich nur meine Texte
selber und ich finde es schwierig, Songs zu finden, die meinem
emotionalen Inneren entsprechen. Aber das hat einfach 100%
gepasst. Also hab ich mich entschieden, mir die meisten Songs von
ihm schreiben zu lassen. Die anderen zwei sind von meinem Freund
Paolo Carta.
Daniel Vuletic ist ein verrückter Typ. Er hat unglaublich
viel Tiefe. Aber ich habe auch das Gefühl, dass er noch sehr
leidet unter dem was er im Krieg in Kroatien gesehen hat. Er redet
nicht gern darüber. Und manchmal verschwindet er einfach, ist
für Tage unauffindbar. Aber ich mag ihn sehr und vielleicht
sind es gerade diese dunklen Geheimnisse seines Herzens, die ihn
so poetische Musik schreiben lassen.
gay.ch: Und wirst du dein Album in nächster Zeit auch auf der
Bühne vorstellen? Ist eine Tour in Planung und kommst du
damit auch in die Schweiz?
Laura Pausini: Jep, die Tour ist für März geplant und
wir werden damit sicher auch in die Schweiz kommen.
Voraussichtlich werde ich damit in Genf und Zürich auftreten,
aber die Termine sind noch nicht definitv.
Ich hätte noch Stunden mit Laura quasseln und ihr beim
Nägel-Feilen zuschauen können. Aber die nächste
Reporterin steht schon in der Türe. Ich verabschiede mich und
gehe - von Laura's unmissverständlicher Präsenz
inspiriert - in den sonnigen Winter hinaus.
"Primavera in anticipo" (dt. verfrühter
Frühling) ist eine musikalische Reise durch den Kalender. Die
Songs repräsentieren die Jahreszeiten und ihre Entsprechung
in unserem Inneren. Primavera - der Frühling - steht für
den Aufbruch und die Geburt. Estate - der Sommer - lässt
unserer Fantasie Flügel wachsen und trägt uns davon.
Autunno - der Herbst - ist die Zeit wo alles langsam zu einem Ende
kommt und Inverno - der Winter - konsolidiert unsere Erfahrungen
des Jahres, wir schliessen damit ab und bereiten uns auf einen
Neuanfang vor. Laura nimmt uns mit auf ihre persönliche Reise
und zeichnet mit ihren Melodien und ihrer Power-Stimme Bilder der
Jahreszeiten in unsere Seele. Und man merkt: da kommt noch viel
und der Aufbruch in ihren musikalischen Frühling hat gerade
erst begonnen...
Prädikat: sehr empfehlenswert, nicht nur für Italiener.
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