(13.11.08/lp)
Annett Louisan ist gerade
auf Promo-Tour und wir haben uns in Zürich, in den
Räumlichkeiten der Plattenfirma, getroffen.
gay.ch: Hallo Annett, schön dich wieder zu sehen. Wie
geht es?
Annett: Oooh... wenn ich ganz ehrlich bin: Ich habe gestern ein
bisschen zu tief ins Glas geschaut. Da hätten wir ihn schon, das
Klischee...
gay.ch: Das alles wäre nicht passiert... Der Prosecco-Song lässt
grüssen...
Annett: Wir sind gestern spät angekommen und es war schon
dunkel, da sind wir ins Hotel gefahren... Ja, ja und heute sitze
ich hier den ganzen Tag und am Abend flieg ich schon wieder
weiter nach Wien.
gay.ch: Beim letzten Interview hast du gesagt, dass du dein
Privatleben so gut wie möglich aus den Medien halten möchtest,
aber die Meldung um die Trennung von deinem Mann konntest du
wohl nicht so gut "geheim" halten...
Annett: Mir blieb gar nichts anderes, als die Flucht nach vorne
zu ergreifen und eine Medienmitteilung zu machen, bevor
irgendwelche Sachen geschrieben werden. Das war für mich schon
eigenartig, das so "offiziell" zu machen, doch ich habe mir
gesagt: Eine Klarstellung und dann ist das Thema vom Tisch.
Wenn man so persönliche Musik schreibt wie ich, dann ist es nie
einfach das Privatleben auszuklammern. Überhaupt, ich bin
überrascht, wie viele Leute sich manchmal von meinen Texten
provoziert fühlen, weil ich das gar nicht bewusst mache. Da sind
Leute aus zwei Extremen: Die Emanzen und die "Bünzli"-Frauen.
Man hat mir sogar vorgeworfen pervers zu sein... Ja sogar
Pädophilie hat mir schon angehängt... Ich sei stillos und
humorlos (lacht).
gay.ch: Aber... scheinbar bist du sogar neu verliebt!
Annett: Ja und weil er auch Musiker ist, kann ich ihn, im
Gegensatz zu meinem Ex, nicht gut den Medien vorenthalten.
gay.ch: Wie heisst er denn?
Annett: Martin Gallop. Er war mit uns auf Tournee und da haben
wir uns kennengelernt...
gay.ch: Es ist nicht viel Zeit verstrichen, seit deinem letzten
Album...
Annett: Ich bin halt ehrgeizig! Aber wenn man bedenkt, dass die
Beatles zu ihrer besten Zeit sogar innerhalb von 6 Monaten neue
Platten herausgebracht haben, dann ist meine Zeitspanne nichts
dagegen (lacht).
gay.ch: Ich habe mich gefragt, ob du dich vielleicht in die
Musik "gestürzt" hast, wegen dem Trennungsprozess...
Annett: Natürlich, das hat auch eine Rolle gespielt...
gay.ch: Und dann hast du ja auch eine neue Haarfarbe
Annett: Ich wollte einfach die alten Zöpfe ab haben. Weg mit der
Blondine, fertig blondieren. Als ich das gemacht habe, habe ich
mich gefragt, wieso ich das nicht schön früher gemacht habe. Die
Farbe passt auch viel besser zu meinem Teint.
gay.ch: Deine CD ist musikalisch, gegenüber der letzten, recht
anders geworden.
Annett: Ja. Die 60s waren der rote Faden dafür. Mich habe die
Sechszigerjahren schon immer fasziniert. In dieser Zeit ist so
vieles passiert, wie die Emanzipation der Frauen. Frank, die
Gitarre und ich sind dann mit diesem Konzept nach Ibiza geflogen
und haben dort zwei Wochen an den Songs geschrieben. Darum ist
darunter auch "Swimming-Pool-Musik".
gay.ch: Deine Single "Drück die eins" ist bei uns gar nicht in
den Charts...
Annett: Das ist in Oesterreich genau gleich... Ich verstehe das
nicht: In Deutschland ist der Song auf Platz zwei eingestiegen
und hier spielen die Radios den Song nicht. Ich glaub es liegt genau an dem,
was ich dir vorher erzählt habe. Vielleicht darf eine Frau so
etwas einfach nicht singen (lacht).
gay.ch: Du meinst, wie beim Song aus deinem neuen Album "je
später der Abend"? Genau! Frauen trinken sich die Männer auch schön. Das ist
doch ein Klischee, dass nur Männer sich ihr Gegenüber schöner
trinken. Wir können das auch (lacht)!
gay.ch: Hast du dir schon mal überlegt am Eurovision Song
Contest teilzunehmen?
Annett: Ich weiss nicht recht. Irgendwie hab ich das Gefühl, ich
würde bei all diesem Mix untergehen, denn, wie können sich so
unterschiedlichen Lieder konkurrenzieren? Ich finde es auch
recht schwierig, wie die Songs bewertet werden. Ach, und zudem
hab ich Probleme mit Wettbewerben. Ich bin so ein sensibles
Wesen, ich wüsste nicht, wie ich mit einer Niederlage und mit
negativer Kritik umgehen könnte. Aber das Thema ist noch nicht
vom Tisch! Wenn ich mal vielleicht einen passenden Song hätte...
Wer weiss, dann könnte ich es mir nochmals überlegen.
gay.ch: Monrose und Roger Cicero haben mir in Interviews
erzählt, dass es ihnen insofern etwas gebracht hat, weil sie
dadurch Leute erreicht haben, welche sie möglicherweise sonst
nicht erreicht hätten...
Annett: Das stimmt schon, aber ich zufrieden wie ich neue Leute
gewinne und das ist vor allem durch meine Konzerte. In gewissen
Städten kommen beim nächsten Konzert viel mehr Leute. Das kommt
von Mund-zu-Mund-Propaganda, was natürlich wunderbar für ein
Künstler ist.
Mut zur Abwechslung: Annett Louisan zeigt sich
auf ihrer neuen CD "Teilzeithippie" mutig und das bekommt ihr
gut...
Wenn Frauen ihre Haarfarbe ändern, dann ist auch in ihrem Innern
etwas
passiert. Ein Klischee? Mag sein... Auf jeden Fall ist Annett
heute nicht mehr Blond sondern eine Brünette, hat sich von ihrem
Mann getrennt, eine Zweit-Wohnung in Berlin hat sie nun auch und
ebenso einen neuen Lover. Wir war das mit den Klischees? Alles
anders also?
Klar doch! Auch ihr musikalischer Horizont trägt plötzlich ganz
andere Farben. Das beste Beispiel ist das Stück "Ich bin
dagegen", ein mit 60s angehauchter Song mit viel Tempo. In diesem
Musikstil hätte sie locker die ganze CD schmeissen können. Dann
hätte die Scheibe jedoch "Vollzeithippie" heissen müssen...
Doch, wie bereits erwähnt, die "Teilzeithipperin" setzte dieses
Mal auf Abwechslung. Etwas Jazz, etwas Country-Banjo, ein
bisschen Pop und Chanson: So viele verschiedene Zutaten hat
Annett noch nie auf einmal in einen Musik-Topf rein getan:
"Wenn ich weiter gemacht hätte wie bisher, wäre ich einer Masche
gefolgt. Und wenn man seine eigene Masche erkennt, sollte man
sie am besten fallen lassen, denn das Leben ist Veränderung",
erklärt Annett Louisan.
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