(22.07.10/dom)
Es sei eine Form des Genozid, erklärte der Direktor der "Asia
Pacific Coalition on Male Sexual Health", kurz APCOM, und damit
spricht er die Situation an, in welcher mit dem HI-Virus
infizierte Homosexuelle in Asien Leben. Sie werden diskriminiert
und von der Gesellschaft total ausgegrenzt.
In den vergangenen Tagen fand in Wien die 18. Internationale
Aids-Konferenz statt, in diesem Zusammenhang sind auch
zahlreiche neue Studien präsentiert worden. So hat sich eine
neue Untersuchung des United Nations Development Programme
(UNDP), sowie des Asia Pacific Coalition on Male Sexual Health (APCOM)
mit der Situation der HIV-kranken Schwulen und Transgender in
Asien befasst - und die Ergebnisse sind erschreckend und
besorgniserregend. Demnach erhalten neunzig Prozent der
infizierten Homosexuellen keine Behandlung, und die gravierende
Diskriminierung und Ausgrenzung führt zu einer immer weiteren
Verbreitung des Virus bei den Schwulen und Transgender. Schon
jetzt machen diese Gruppen zwischen zehn und dreissig Prozent
der HIV-Neuinfektionen aus, bis in zehn Jahren wird damit
gerechnet, dass der Prozentsatz auf Fünfzig steigen wird. Diese
Quote haben die Transsexuellen in indischen Grossstädten bereits
jetzt erreicht: So sind in New Delhi 49 Prozent der Transgender
mit dem HI-Virus infiziert, und in Mumbai rund 42 Prozent.
Wie die Experten in ihrer Studie erklären, ist vor allem die
politische Situation in den jeweiligen Ländern ausschlaggebend.
So wurden die Situation in insgesamt 48 asiatischen Ländern
analysiert. Der schwule Sex ist in zwanzig dieser Länder per
Gesetz verboten, wobei sich in Indien derzeit ein Gericht damit
befasst, ob die Illegalität aufgehoben werden soll. Zusätzlich
gilt in acht weiteren Staaten ein Verbot für die Prostitution
für homosexuelle Männer und für Transgender. Die Strafen, welche
für Homosexualität ausgesprochen werden, reichen von der
Todesstrafe in Afghanistan und Pakistan, über lange Haftstrafen
bis hin zu Auspeitschen, etwa in Brunei, auf den Malediven oder
in Malaysia. Dazu kommt noch, dass in den Ländern Afgahanistan,
Malaysia, Samoa und Tonga auch Crossdressing per Gesetz geahndet
wird. All diese Gesetze drängen Homosexuelle und Transgender in
die Anonymität und an den Rand der Gesellschaft, wo sie auch für
Präventionskampagnen gegen Geschlechtskrankheiten kaum
erreichbar sind. Nur gerade acht Staaten, darunter Nepal, Hong
Kong und Südkorea, haben einen gesetzlichen Schutz für sexuelle
Minderheiten. Wie John Godwin, einer der Experten, der für die
Studie mitverantwortlich ist, erklärte, sei es besonders
auffällig, dass die meisten Staaten, welche Homosexualität
kriminalisieren früher entweder britische Kolonien waren, oder,
ihre Gesetzgebung wurde massgeblich von Grossbritannien
beeinflusst.
Wie die Studienverantwortlichen weiter ausführen, sei auch viel
Widersprüchliches aufgedeckt worden. So seien Homosexuelle und
Transgender in 22 der 48 Staaten als potentielle Zielgruppe für
HIV-Präventionskampagnen genannt worden - in acht dieser Staaten
sei Homosexualität jedoch generell per Gesetz verboten. So
würden sich etwa auch diverse Organisationen mittels Kondomen
und Infomaterial an die Community wenden, doch nicht selten
werde dieses Präventionsmaterial durch die Behörden konfisziert.
Im Weiteren hätten viele Schwule und Transgender gar keine
andere Wahl als sich zu prostituieren, weil ihnen aufgrund ihrer
Homosexualität und/oder der HIV-Infektion eine andere
Arbeitsstelle verwehrt werde. Ein wahrer Teufelskreis, der nur
mit grossen Anstrengungen durchbrochen werden kann, um die
HIV-Neuinfektionen in diesen Bevölkerungsgruppen zu minimieren.
Nun müsse auf die Führer der einzelnen Staaten zugegangen
werden, erklärten die Autoren der Studie, damit die Arbeit der
internationalen Organisationen zumindest nicht gestört wird. Man
müsse daher auch mit den Mullahs reden, fordern sie. Die
Diskriminierung und die Ausgrenzung müsse auf lokaler Ebene
verringert werden, denn es würde auch in den nächsten fünfzig
Jahren keine Möglichkeit werden, dass Homosexualität etwa in
Pakistan oder in Afghanistan legal werde, erklären die Experten
weiter. Auch die UNO weist auf die enorme Wichtigkeit dieser
neuen Studie hin, welche helfen soll, die Hilfsgelder für
HIV/Aids-Projekte besser und zielgruppengerechter einzusetzen.
Die Datenlage in diesen Ländern sei bislang ungenügend gewesen,
und nun hätte man ein Instrument um mit den lokalen Behörden,
sowohl im Gesundheits- aber auch im Justizbereich besser
zusammenzuarbeiten. Nicht zuletzt die gesetzlichen
Voraussetzungen können die Präventionsmassnahmen vor Ort
entscheidend beeinflussen - sei es positiv, aber leider auch
negativ! |